Rabenpriester
Ich mag keine großen Einleitungen, darum gehe ich mal gleich in die Vollen:
Der Hintergrund und Leitfaden zur Serie ist gut gewählt, und neu, zumindest für mich. Esoterisch orientierte Hörspiele sind mir bis jetzt jedenfalls noch keine untergekommen.
Allerdings muss ich sagen, dass selbst für mich, obwohl ich hier thematisch nicht ganz unbedarft bin, die Kombination aus Handlung und Setting etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Handlung hätte ich, zugegeben, lieber in einem fantastischen Rahmen gesehen, als in diesem modernen. Auch, weil ich als leidenschaftlicher Konsument von Büchern, Hörspielen und Filmen an epische Handlungen, dramatische Abenteuer und große Liebesgeschichten gewöhnt bin.
In unserer Welt ist so etwas deutlich schwerer darzustellen, die moderne Welt ist größer, weitläufiger, so dass Dramen manchmal einfach etwas dramatischer sein müssen, um ihre Wirkung nicht zu verlieren. Das wäre bei Rabenpriester vielleicht schon zu erreichen gewesen, wenn man die Handlung nicht in eine Stadt, in der man in der Anonymität leicht untergeht, sondern in ein Dorf gelegt hätte, vielleicht in einer abgelegenen Gegend? Dort läuft das Leben langsamer und eine verseuchte oder verdorbene Quelle kann die Stimmung und das Miteinander der Dorfgemeinschaft gravierend beeinflussen, während ein vergleichbarer Effekt in einer Stadt nur schwer sicht- oder erfahrbar zu machen ist, schon allein deshalb, weil es deutlich schwerer fällt, einen erzählerischen Bezug herzustellen.
Vergleichbare Settings findet man übrigens (um mal einen nicht wertenden (!) Vergleich zu ziehen) in einigen der frühen Folgen der John Sinclair Edition 2000-Hörspiele.
Die Charaktere sind teilweise etwas sparsam vorgestellt, ich wüsste zum Beispiel gern mehr darüber, was Anne, Tom, Michelle und der süße Choleriker, dessen Name mir spontan entfallen ist, im Berufsleben tun, wie es sie weiter beeinflusst. Was zum Beispiel ist das für ein ominöser neuer Job, in dem Anne so gut bezahlt wird? Abgesehen von der kurzen Einführung der einzelnen Charakter bleibt man da als Hörer schon irgendwie auf dem Trockenen sitzen, weil man einen nur sehr kleinen Ausschnitt aus dem Leben der vier bekommt. Haben die eigentlich noch andere Freunde? Gehen sie gern auf Parties? (sic!) Trinken sie Alkohol? Essen sie lieber Pizza mit Thunfisch oder Selbstgekochtes aus dem Biosupermarkt? Und wie ziehen sie sich überhaupt an? Sind sie hübsch oder hässlich?
Nach den ersten zwei Folgen bleiben die Protagonisten für mich leider etwas zweidimensional. Positiv ist dagegen, dass man sie emotional schnell einordnen kann. Jens (ha! Er heißt Jens!) ist der impulsive mit dem großen Beschützerinstinkt, Tom der romantische Zweifler, Michelle so naiv, dass sie dazu neigt, sich selbst gehörig zu unterschätzen.. und Anne ist eben Anne. Manchmal zu Schreien doof, aber liebenswert.
Das ist wirklich gut gemacht, man freut sich beim Hören, wenn einer der vier wieder etwas vorhersehbares tut, weil es in das emotionale Bild passt, das man entwickelt.
Kommen wir zu den Sprechern, der garstigste Teil einer Hörspielkritik.
Oda
Gut gesprochen auf weiten Strecken, aber gerade in Momenten der Unsicherheit des Charakters, oder wenn Anne Zweifel an dem hat, was sie sagt oder denkt, ist mir das teilweise zu übertrieben. Die Pausen einen Tick zu lang, der Tonfall etwas zu fragend.
Was ich mir wünschen würde, wäre etwas mehr Lebendigkeit in der Sprache und gleichzeitig ein etwas sparsamerer Umgang mit Betonungen. Leider fällt es mir schwer, „Lebendigkeit“ in einen greifbaren Bezug zu setzen, ist mehr so ein Gefühl.
Falko
Erstmal: Toller Gesamteindruck. Es hat mich jedesmal in den Fingern gejuckt, da eine Kopfnuss zu verteilen, wenn Jens’ Emotionen wieder hochkochen. Ganz großes Kino. Aber auch hier wieder: Manche Betonungen sind einfach zu viel des Guten. Man kann starke Gefühle auch etwas sparsamer vertonen. Gerade, weil man bei Hörspielen nur auf diesen einen Sinn angewiesen ist, nimmt man als Hörer vieles sehr fein wahr. Eine leichte Anspannung in der Stimme kann vieles ausdrücken, Variationen in Tonhöhe und Lautstärke machen viel aus, wenn sie subtil eingesetzt werden. Zu dem ausgesprochen sympathischen Rumgeknurre noch eine technische Kritik: Der Sprecher sollte dabei mehr Abstand zum Mikrofon haben, so verrauscht es leider hier und da ein bisschen.
Tommy
Schön. Ganz ehrlich, da fällt mir kein Kritikpunkt ein. Toll gesprochen, eine Freude für das verwöhnte Ohr!
Lilly
Auch hier gilt wieder: eine sehr charismatische Stimme! Manchmal sind die hohen Töne etwas unangenehm fürs Ohr, und hier und da schlägt die Freude oder Begeisterung etwas über die Stränge, was Betonung und Lautstärke betrifft. Weniger ist mehr! Trotzdem ist Michelle sehr einfühlsam gesprochen, man entwickelt sehr schnell Sympathie für diesen Charakter.
Jörg Tim
Dieser Teil fällt mir besonders schwer. Ein Hörspiel-Erzähler hat in der Regel neben dem Hauptcharakter die wichtigste Rolle in einem Hörspiel, er führt durch die Handlung, gibt die Stimmungen des Settings vor und stellt den Bezug zwischen Hörer und Charakteren her.
Technisch ist da meines Erachtens nach noch viel Übung vonnöten, der Erzähler spricht teilweise sehr unsauber (etwas, das mir besonders ins Ohr gestochen hat, war das Vertauschen von ‚sch’ und ‚ch’ zum Beispiel bei Michelle, wo aus dem weichen ‚sch’ ein weiches ‚ch’ wurde. Ein im Deutschen relativ typischer Fehler, wenn man sich um eine klare Aussprache bemüht). Endungen auf ‚em’ und ‚en’ werden teilweise verschluckt, so dass ich mich jedesmal gefragt habe, ob ich was auf den Ohren hab.
Auch fehlte mir bei den Erzähltexten mehr Lebendigkeit. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Erzähler meinte, was er da sagte. Streckenweise klang es leider auch deutlich nach Ablesen.
Andererseits, um meiner Kritik vielleicht (hoffentlich) etwas von ihrer Schärfe zu nehmen: Da steckt ein Haufen Potential drin. Die Stimme ist angenehm, tolle Frequenz und man hört, dass sich da eine Menge verbessern kann.
Zu den anderen Sprechern sage ich jetzt lieber nichts mehr, da ich inzwischen bei über zwei Seiten bin. Das wird eventuell nochmal nachgeholt.

Insgesamt ein sehr ambitioniertes Hörspiel, das aber eben erst noch aus den Kinderschuhen herauswachsen muss. Die Dialoge klingen an vielen Stellen steif und gekünstelt, eine etwas natürlichere Wortwahl wäre da wünschenswert. Die Soundeffekte wurden sparsam eingesetzt, haben mir aber sehr gut gefallen. (Nur hab ich mich gefragt, warum in der zweiten Folge, als Michelle die arme Carmen in ihrem Laden findet, während des Gesprächs der beiden nochmal die Klingel an der Ladentür geklingelt hat? Ist da jemand reingekommen? Oder rausgegangen?)
Das Erzähltempo hätte man für meinen Geschmack gut und gerne ein bisschen anziehen können, so wird es leider streckenweise etwas langatmig, selbst, wenn nicht viel Zeit vergeht. Und das Ende beider Episoden war irgendwie nicht so richtig klar zu erkennen, als wäre es einfach irgendwo abgeschnitten. Ich bin ein großer Freund von gewichtigen abschließenden Phrasen, auch da kann ich wieder nur grinsend auf John Sinclair verweisen („Das hoffe ich, Suko.. das hoffe ich.“).
Mein Gesamteindruck ist trotz aller Kritikpunkte aber sehr gut und ich habe große Sympathie für alle Charaktere entwickelt. Die nächste Episode wird auf jeden Fall auf meiner Festplatte landen und ich bin gespannt, wie es mit den vieren weitergeht!
Herzlich,
Lili